14. Oktober 2018, 1. Korinther 7,29-31
20. Sonntag nach Trinitatis

Von: Peter Haigis
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Ethos des Schwebens

Parusieerwartungen

Lohnt es sich noch Familien zu gründen, zu heiraten, Kinder zu bekommen und aufzuziehen, wenn doch morgen oder übermorgen der HERR kommt und es ein Ende haben wird mit dieser Welt? – Das ist die Frage des Apostels Paulus, der er sich nach einer ganzen Reihe von Überlegungen zum Thema Ehe, Ehelosigkeit und Ehescheidung im Kap. 7 des 1. Kor. zuwendet.

Im frühen 19. Jh. gab es radikal-pietistische Gruppen in Süddeutschland, die sich von der Kirche separiert und schließlich ihr Glück und Heil in einer religiösen Kolonie in Übersee gesucht haben. In der Annahme, die unmittelbare Zeit vor der nahen Wiederkunft des HERRN zu erleben, unterließen sie es zu heiraten und Kinder zu bekommen – sie starben aus.


Eschatologie

Offenbar hat sich Paulus gründlich geirrt: Der HERR ist weder zu seinen Lebzeiten noch zu denen der frühen Christen wiedergekommen. 2000 Jahre sind vergangen – ohne dass sich die Parusie ereignet hätte. Können wir den Predigttext damit beiseitelegen?

Nein, wenn wir verstehen, dass »Eschatologie« theologisch auch noch etwas anderes bedeuten kann als die Lehre von den »letzten Dingen« in einem kosmologischen oder universalgeschichtlichen Sinn. Aus historischer Perspektive ist die Wiederkunft Christi ein durchaus unwahrscheinliches Ereignis. Doch an der Endlichkeit menschlichen Lebens ändert die ausbleibende Parusie nichts. »Eschatologie« kann eben auch Einsicht in genau diese Endlichkeit meinen. Sie macht in symbolischer Rede deutlich, dass alles, was wir Menschen tun und denken, erleben, erleiden oder leisten, immer den Stempel des Vorläufigen trägt; immer nur Vorletztes ist, das durch etwas relativiert, in Frage gestellt, überboten werden kann, das nicht mehr unsere Handschrift trägt. Es ist uns Menschen nicht gegeben, Letztgültiges zu schaffen – der Menschheit als Gattung nicht und dem Individuum schon gar nicht.


Weisheit

Es ist die besondere theologische Leistung des Apostels Paulus in seinen Zeilen in 1. Kor. 7, auf genau diese Gegebenheit menschlichen Lebens (wenn wir nicht negativ von einem »Verhängnis« sprechen wollen) aufmerksam zu machen. Damit befindet er sich in guter atl.-weisheitlicher Tradition: »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden« (Ps. 90,12).

Man kann daraus einen pessimistisch-fatalistischen Schluss ziehen. Insbesondere der Verfasser des Buches »Kohelet« ringt mit dieser Haltung. Man kann aber auch die paulinische Devise der eigenen Lebensführung zugrunde legen: »Haben als hätte man nicht.«


Lebenskunst

Paulus beschränkt seine Überlegungen nicht auf Fragen des Familienstandes: Freud und Leid, Besitz, Konsumieren und Verbrauchen – all dies gerät unter das Vorzeichen seiner Einsicht »Die Zeit ist kurz« (was symbolisch eben für die Vergänglichkeit und Relativität allen Lebens, insbesondere des menschlichen steht). Das lässt sich in der Predigt an einigen Beispielen durchbuchstabieren. Wie lebt man so, als hätte man nicht?

Wohlgemerkt: Es ist nicht der pure Verzicht, die Askese, die Paulus als christliches Lebensideal preist. Im Einzelfall kann es das sein, aber eine Regel kann man daraus nicht machen. Das Gegenteil scheint die größere Herausforderung zu sein: etwas genießen zu können, ohne daran hängen zu bleiben, ja, ohne immer noch mehr davon haben zu müssen.

Haben als hätte man nicht – das führt zurück auf den Augenblick des Erlebens selbst. Will dazu befreien, ganz im Hier und Jetzt zu leben und zu erleben. In allem, was schön und angenehm ist, kann das eine wertvolle Anleitung zum Glück sein – und es wirkt suchtpräventiv. Auch im Blick auf Leidvolles kann es hilfreich und befreiend sein, das Loslassen einzuüben. Im Blick auf Lebensbereiche, die uns Planungsperspektive und Zukunftsverantwortung abnötigen, fällt es mir schwer, dem paulinischen Ansatz etwas abzugewinnen. Aber vielleicht ist er so radikal auch nicht gemeint …


Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2018

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