21. Oktober 2018, Jeremia 29,1-14
21. Sonntag nach Trinitatis

Von: Dörte Kraft
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Zwischen Unterwerfung und Hoffnung

Text und historische Situation

Der Brief an die Exilanten spiegelt die Zeit zwischen 597 und 589 v. Chr. und offenbart eine Spannung, die es m.E. sinnvoll macht, den Text nicht zu beschneiden und auch im Gottesdienst ganz zu lesen. Ohne diese konkrete historische Verortung bleibt nicht viel mehr als ein allgemeiner Appell, sich in diese Welt einzubringen.

Die historische Situation: Nach der ersten Deportation 598 v. Chr. ist Juda ein Vasallenstaat des neubabylonischen Reiches, hat noch einen König, den von Nebukadnezar eingesetzten Zedekija. Der Tempel ist geplündert, aber noch nicht zerstört, es gibt noch jüdisches Leben im Land. Erst zehn Jahre später, 587 v. Chr., wird mit Zedekija der letzte König deportiert, seine Söhne werden ermordet, der Tempel niedergebrannt, Jerusalems Mauern geschleift, Königspalast und andere Großbauten zerstört, und wieder werden Tausende von Bewohnern deportiert. Nun erst ist Juda eine babylonische Provinz, das Königshaus endgültig ausgelöscht.

Diese Zerstörung erfolgte, nachdem Zedekija dem babylonischen König die Vasallentreue aufkündigte – maßgeblich beraten von Kreisen, die hier im Text in V. 2+3 benannt werden: Propheten und andere bei Hofe, die Heil und Bewahrung weissagten. Der Gegensatz zwischen diesen Propheten und Jeremia durchzieht das gesamte Buch.


Jeremias Botschaft

Demgegenüber mahnt Jeremia zur Ruhe in der Verbannung. Sich hier zu erheben, ist nicht angezeigt. JHWH hat das Volk wegführen lassen, ER wird es zurückholen – aber erst nach 70 Jahren. Es geht also nicht um Ruhe als Bürgerpflicht und auch nicht grundsätzlich um Engagement im Gemeinwesen. Jeremia deutet die Gegenwart im Licht der Beziehung zu JHWH und vertieft diese Beziehung im Licht von Geschichte und Gegenwart. Daraus ergibt sich dann die Handlungsoption.

Dabei mutet er seinen Zeitgenossen einen Widerspruch zu: Das Exil und seine Dauer stehen nicht in Frage. Dennoch hält Jeremia fest: Hier ist JHWH selbst am Werk. Das war ein Ärgernis: Sollte JHWH sein Heiligtum nicht schützen? War Jerusalem nicht uneinnehmbar aufgrund der Gegenwart JHWHs im Tempel? Hatte das Volk es nicht genau so erlebt unter Hiskia, als Sanherib die Belagerung Jerusalems abbrach und sich zurückzog? Entlang dieser Linie lief die Botschaft der hofnahen Heilspropheten: JHWH würde doch sein Volk nicht einem heidnischen Tyrannen in die Hände fallen lassen!

Doch, sagt Jeremia. Denn dieser heidnische Tyrann ist ein Werkzeug in den Händen JHWHs. Weder Jerusalem noch der Tempel werden euch sichern. Die jetzige Situation ist Konsequenz eures Handelns und JHWH wird es nicht abwenden. Ihr könnt es nur noch schlimmer machen.

Hier ist also zweierlei zusammenzudenken: die Gegenwart Gottes und eine dramatische Niederlage. Das Mitsein JHWHs bedeutet nicht einfach Bewahrung; andersherum bedeutet die Not aber auch nicht Gottesferne.

Wenn Jeremia hier im Namen Gottes zum Bauen und Wohnen, Pflanzen und Essen, Heiraten und Zeugen aufruft und zum Beten um den Schalom Babylons, dann ruft er seine Landsleute dazu auf, sich zum Gewordensein dieses historischen Moments zu stellen. Ein anderes Wort dafür wäre Verantwortung.


Verantwortung lernen

Und hier ist m.E. der Punkt, an dem dieser Text übertragbar ist. Nichts wäre verständlicher, als Babylon zum »Feind« zu machen. Die Menschen waren von einem Sieger verschleppt worden. In Babylon und seinem Tyrannen Nebukadnezar das Böse zu sehen, gegen das es sich aufzulehnen gilt, liegt nahe. Dennoch sollen sie es akzeptieren, hier zu sein und diese Zeit gestalten – mit möglichst wenig Groll im Herzen. Wie sonst könnten sie um Schalom für Babylon beten? Dass sie hier sind, hat mit Entscheidungen zu tun, die sie früher getroffen haben. Und es hat mit JHWH zu tun. Es gilt, die gewordene Situation anzunehmen, sich ihr zu stellen, Verantwortung zu übernehmen – und nicht in der Schuldzuweisung an die »Bösen« steckenzubleiben.

Das ist eine Herausforderung, die z.B. nach 1918 nicht gemeistert wurde und zusammen mit anderen Faktoren in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs führte. Deutschland hatte in sich zu viele Kräfte, die eine Mitverantwortung für die Verwüstungen ablehnten und von Revanche träumten, die nur zu bereit waren, Heilsversprechen zu glauben. Die Bösen blieben die anderen.

Auch heute verlagern wir Herausforderungen, an deren Entstehung und Verschärfung wir maßgeblich beteiligt sind, nach außen. In unserem Land gibt es wieder »Lösungen« der Fragen von Migration, Flucht, Integration, von Armut und Ausgrenzung, die die Probleme bei den »Anderen« sehen.

Nein, würde Jeremia sagen, stellt euch dem, übernehmt Verantwortung, tut das Eure. So ist es jetzt. Sucht die Gegenwart Gottes in dem, wie es jetzt ist. Vielleicht ist es nicht für immer – aber jetzt ist es so! Betet und handelt für Schalom – das hat mit euch zu tun.


Dörte Kraft

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2018

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