31. Oktober 2018, Galater 5,1-6
Reformationstag

Von: Andrea Knauber
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Facetten der Freiheit

Es geht um Freiheit

Hambach, Juni 2018. Wir besuchen das Hambacher Schloss in Rheinland-Pfalz. Die Dauerausstellung rund um das »Hambacher Fest« im Jahre 1832 zeigt auf beeindruckende Weise den Weg der revolutionären, bürgerlichen Bewegung mit ihrer Forderung nach nationaler Einheit, Souveränität des Volkes und Freiheit: Freiheit von der Herrschaft alter Dynastien hin zur Freiheit zur Selbstbestimmung. Freiheit im weltlichen Sinn.

Reformationsjubiläum 2017. »Ich bin so frei« hieß eine Kampagne meiner Evang. Landeskirche in Baden. Eine Mitmachaktion, bei der jeder eingeladen war, frei heraus zu sagen, was Freiheit bedeutet. Oder mit Schals und T-Shirts jene Gesinnung zu demonstrieren, die Martin Luther 500 Jahre zuvor stark gemacht hatte. Jene Freiheit im theologischen Sinn.

Wittenberg, 1520. Martin Luther verfasst die Schrift »Von der Freyheyt eyniß Christen menschen«: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.« Seither wird Freiheit so verstanden. Christliche Freiheit …


»… wovon Paulus viel schreibt«
(Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen)

Auch im Galaterbrief geht es um die Freiheit. Und damit geht es für Paulus um alles oder nichts. Denn da gibt es diejenigen in der Ekklesia, Nichtjuden, die die Thora in allem einhalten – bis hin zur Beschneidung, dem Bundeszeichen Israels schlechthin, wodurch sie Anteil erhalten wollen an den Verheißungen Israels – und das von allen anderen auch fordern


»Ich bin so frei!«

Demgegenüber ist Paulus so frei, sich allein an Christus Jesus zu binden. Solus Christus. Denn Christus selbst lädt die aus den Völkern, die גֹּיִים (Goijim) ein, an den Hoffnungen Israels teilzuhaben. Das geschieht ohne Vorbedingung allein aus Gnade. Sola gratia.


Zur Freiheit hat uns Christus befreit

Deshalb bringt Paulus, selbst beschnittener Jude, den Gemeinden in Galatien eindringlich nahe, dass doch alle in der Ekklesia in der neu gewonnenen Freiheit durch den Christus/Messias Jesus leben. Also »die Freiheit haben, mit Nichtjuden zusammenzuleben, und die Freiheit, mit Juden zusammenzuleben, ohne gezwungen zu sein, Jude zu werden.« (Jankowski, 96). Ohne יִשְׂרָאֵל עַם (’am Jißrael) werden zu müssen.


Ekklesia, die alle umfasst

In der Ekklesia sollen also alle bleiben, was sie sind und gemeinsam das »Experiment Hoffnung« (Jankowski, 99) leben – »aus geschenktem Vertrauen auf die großen Verheißungen und Vertrauen untereinander. (…) Vertrauen, das wirksam wird durch die Liebe« (ebd.).


Freiheit in Bindung an den Christus Jesus oder: Die Revolution der Liebe

Allein die Liebe zählt. Jene Liebe, die aus der Bindung an den Christus Jesus kommt. Aus dem Glauben. Sola fide. Dieses Modell von Gemeinde, für das sich Paulus stark gemacht hat, ist auf seine Weise revolutionär. Und wird es immer bleiben. Wo es funktioniert, Früchte trägt, geschieht Gnade. Da wird spürbar, wie gut es ist, zu Christus Jesus zu gehören. Mit allen anderen. In Freiheit und Bindung. Wie sehr Christus nützt.


Zurück zum Anfang: Zur Freiheit

Die großen Freiheitsbewegungen sind Geschichte. Heute wird die digitale Welt als große Freiheit erlebt. Besonders von Jugendlichen, die ihren Freiheitsraum suchen, ausloten, leben wollen. Doch ist Freiheit dann, wenn ich tun und lassen kann, was ich will? Endet meine Freiheit nicht dort, wo die des andern beginnt? Und wie kann es sein, dass Freiheit gerade in Bindung entsteht, wie es beim Glauben der Fall ist; genauso in jeder verbindlichen Beziehung?

Und was die Gemeinde angeht: Wie leben wir das Modell des Paulus, das unterschiedlichsten Menschen Platz bietet, wo die Liebe das Sagen hat – auch in den Zusammenhängen unserer Welt? Wie frei fühlen wir uns selbst und räumen diese Freiheit auch anderen ein? Wo kommen wir immer wieder an Grenzen? Und: wie wirken wir auf andere? Sind wir schon so weit auf dem Weg der evangelischen Freiheit, wie es Karl Barth einmal notiert hat: »Einem freien Menschen merkt man es im Unterschied zu einem noch unfreien an, daß er dauernd in einem kritischen Gespräch mit sich selbst begriffen ist, daß man ihn darum nicht selten gerade über sich selbst fröhlich lachen hört« (Rothenberg, 118)?


Lieder

EG 653 (Baden) »Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer« (Str. 2!)
EG 362 »Ein feste Burg ist unser Gott«
EG 430 »Gib Frieden, Herr, gib Frieden«


Literatur

Jankowski, Gerhard: Friede über Gottes Israel. Paulus an die Galater, Texte&Kontexte. Exegetische Zeitschrift Nr. 47/48, 13. Jg., 84-99

Luther, Martin: Von der Freiheit eines Christenmenschen, https://www.luther2017.de/martin-luther/texte-quellen/lutherschrift-von-der-freiheit-eines-christenmenschen/

Rothenberg, Samuel: Christsein heute und morgen. Kurztexte und Denkanstöße, Christliche Verlagsanstalt Konstanz 1981


Andrea Knauber

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2018

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