11. November 2018, Hiob 14,1-6
Drittletzter Sonntag des ­Kirchenjahres

Von: Hermann Beste
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Der aufbegehrende Rebell

Sonderstellung des Hiobbuches

Eine Predigt zu Hiob 14,1-6 ist nicht denkbar, ohne das gesamte Hiobbuch im Blick zu haben und den Predigthörenden einen kurzen Einblick in das Besondere dieses Werkes zu geben, denn man wird kaum bei allen den Inhalt des Mittelteiles als bekannt voraussetzen können. Allgemein bekannt ist die Rahmenerzählung. Aber das Buch in seiner Gesamtheit nimmt eine Sonderstellung im AT ein.


Das Hiobbuch als literarisches Werk

Die Einleitungsfragen wie die Entstehungsgeschichte, Ort und Zeit der Abfassung des Hiobbuches sind von so vielen Fachkundigen bedacht worden, dass es schwer ist, einen Überblick zu gewinnen. Aus der altorientalischen Literatur sind Zeugnisse bekannt, die literarisch dem Hiobbuch nahestehen, weil sie eine Antwort auf die Frage der Theodizee suchen. »Die Vergleichung des Hiobbuches mit seinen tatsächlichen oder angeblichen außerisraelitischen Parallelen zeigt aber zugleich, dass dieses als dichterisches Kunstwerk und als Zeugnis echter Frömmigkeit sie alle turmhoch überragt«, so Otto Eissfeldt (Einleitung in das ­Alte Testament, 1965, 577).

Ist das Hiobbuch als eine Einheit zu verstehen, wenn doch der Stil der Rahmenerzählung und der Hauptteil mit den vielen Reden so unterschiedlich sind? Ist es richtig, die Rahmenerzählung als ein schlichtes Volksbuch und die anderen Kapitel mit den tiefen theologischen Gedankengängen als so gegensätzlich zu sehen, dass beides nicht zusammen passen kann? Die Mehrheit der Ausleger heute neigt dazu, das Hiobbuch als theologische Einheit zu sehen. »Das schließt keineswegs die Erkenntnis aus, dass einzelne Teile des Buches eine eigene Vorgeschichte haben; das Buch in seiner Jetztgestalt stellt aber eine durchdacht gefügte Komposition dar«, schreibt R. Rendtorff (Theologie des Alten Testaments, Bd. 1, 1999, 312)

Die Rahmenerzählung beschreibt Hiob als einen Menschen, wie ihn Gott haben möchte, fromm, untadelig und somit vollkommen. Aber wie wird sich der Fromme verhalten, wenn es ihm schlecht geht? Die Frömmigkeit wird einer Prüfung unterzogen, ob sie echt ist, ob die Bindung an Gott Belastungen bis zum Äußersten aushält. Der Ausgang der Prüfung ist offen, auch wenn die Rahmenerzählung versöhnlich abschließt.


Zwischen geduldig Leidendem und aufbegehrendem Rebell

In der Rahmenerzählung ist Hiob der geduldig Leidende. Im Hauptteil begegnet er als aufbegehrender Rebell. Seine Reden beginnt er zornig. Hiob flucht, heißt es. In den Reden der Freunde Hiobs und auch bei Hiob selbst kommen Themen zur Sprache, die in der weisheitlichen Tradition ihren Platz haben. Verfehlungen und Schuld verursachen Leiden, ein gesegnetes Leben kennt das nicht. Das sei die Erfahrung, heißt es in den Reden der Freunde Hiobs. Und wer bereut, wird schließlich wieder Gutes erleben.

Anders als in den Reden und Gegenreden Hiobs und der Freunde ist in Hiobs Streit mit Gott die Frage der Theodizee verkehrt in Klage und Anklage. Gott erscheint als der ungerechte Richter, der in seinem Verhalten dem Menschen gegenüber den Ausruf provoziert: Lass von mir ab!

Wie im Hiobbuch von Gott geredet wird, findet sich sonst so nicht im AT. Das Entsetzen über die Maßlosigkeit der Macht Gottes mündet ein in den Kampf mit ihm. Gegenüber den Freunden verteidigt Hiob die unbegreifliche Freiheit Gottes. Steht Hiob Gott gegenüber, möchte er ihn wie einen Angeklagten angreifen. Aber er sagt sich nicht von Gott los, er hört nicht auf, Gott anzurufen. Er erkennt letztlich die Gerechtigkeit Gottes an, die keiner begreifen kann. Man kann sich ihr nur demütig beugen und sie anbeten.


Klage über die menschliche Vergänglichkeit

In diesen Rahmen ist der Gedankengang in Kap. 14,1-6 eingefügt. Hiobs vierte Rede ist eine Klage über das menschliche Leben und seine Vergänglichkeit. Dieses Thema ist wohl der Anlass gewesen, diesen Text einem der letzten Sonntage des Kirchenjahres zuzuweisen. Mit Bildern wird die Kürze des menschlichen Lebens anschaulich gemacht. Der Macht Gottes ist der Mensch ausgeliefert, er muss sich in Gottes Gericht ziehen lassen. Der Mensch bittet dagegen, dass Gott ihn in Ruhe lasse, damit ihm ein wenig Lebensfreude bleibe.

Wie im Hiobbuch und in diesem Abschnitt Gott gedacht wird, entspricht kaum der heutigen landläufigen Rede von Gott. Die vielfach gebrauchte Anrede »Guter Gott« deckt sich in ihrer einfachen Art nicht mit dem, wie der gegen Gott rebellierende Hiob diesen erlebt. So bietet die Predigt die Möglichkeit, unser heutiges Reden von Gott kritisch zu bedenken, auch wenn wir wissen, dass Christus zwischen Hiob und uns steht. Doch Hiob einen Zeugen Jesu Christi zu nennen, wie K. Barth (KD IV 3, 443) eine Formulierung von W. Fischer aufgenommen hat, werden wir kaum wagen.


Hermann Beste

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2018

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