25. November 2018, Jesaja 65,17-19(20-22)23-25
Ewigkeitssonntag

Von: Titus Reinmuth
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Mehr als eine verrückte Vision

Noch ziemlich verschwommen

Es ist einer der ganz großen Hoffnungstexte aus dem AT: Ein neuer Himmel und eine neue Erde, Weinen und Klagen haben ein Ende, die Arbeit hat Sinn, die Generationen sind friedlich beieinander, Menschen haben ein erfülltes Leben, Friede herrscht sogar zwischen Wolf und Schaf. Alles stimmt. Und mit Gott stimmt es auch. Menschen können sich an ihn wenden, er hört und er antwortet. So wird es sein. Kein Mensch wird das schaffen, sondern Gott selbst schafft diese Welt.

Am Ewigkeitssonntag werden sich manche an diesen Bildern freuen und denken: Mein Gott, das wäre schön! Andere werden ratlos vor denselben Bildern stehen. Sie starren wie auf ein unbekanntes Foto, das sie nicht einordnen können. Denn sie mussten im zurückliegenden Jahr Abschied nehmen und haben immer noch den Tod vor Augen. Manche sind noch ganz damit beschäftigt, den eigenen Ort in diesem Leben neu zu finden. Ein neuer Himmel und eine neue Erde? Das sieht noch ziemlich verschwommen aus.


Bloß nicht die Hoffnung aufgeben

Der Ewigkeitssonntag fragt uns nach unserer Hoffnung: Was lässt uns leben im Angesicht des Todes? Was trägt uns, wenn das Leben erschüttert wird durch einen Abschied? Ein Seenotretter erzählt mir, dass Menschen die Hoffnung oft zu früh aufgeben. Sie gehen unter, obwohl sie noch gut hätten gerettet werden können. Er selbst hat einmal 75 Minuten in der eiskalten Nordsee überlebt. Er sagt: Wenn man sich knapp über Wasser hält, reduziert sich der Horizont um die Hälfte. Das Rettungsboot hat dich vielleicht schon im Blick. Du siehst es aber nicht. Also bloß nicht die Hoffnung aufgeben.


Ein Gegenbild zu allem, was jetzt ist

Der »dritte Jesaja« erinnert uns an die Hoffnung. Dem, der im Land der Tränen wohnt, wird eine Stadt voller Freude gezeigt. Ein Gegenbild zu allem, was jetzt ist. Ein Gegenbild auch zu der Zeit, in der der Prophet selber lebte. Nach dem babylonischen Exil sollte alle Not ein Ende haben, ein neues Leben sollte beginnen. Aber die Zurückgekehrten finden ziemlich trostlose Verhältnisse in Juda und Jerusalem vor. Und die halten noch lange an: Die Mauern Jerusalems liegen in Trümmern, viele Menschen leben in großer sozialer Not. Gut, man lebt wieder im eigenen Land – aber so?

Hier knüpft der Prophet mit seiner Botschaft an. In Zeiten der gestörten Hoffnung zeigt er Bilder des gelingenden Lebens. Tritojesaja erinnert mit vielen Pinselstrichen seines Hoffnungsbildes an die Verheißungen seiner Vorgänger. Der Prophet weiß nichts, aber er sieht alles. Die Hoffnung kann nicht argumentieren, aber sie hat starke Bilder.


Die Hochzeit wird steigen

Solche Hoffnung ist manchmal nicht einfach durchzuhalten. Das zeigt auch das Gleichnis von den zehn Jungfrauen, das Evangelium des Sonntags. Vielen wird die Not zu groß, vielen wird die Zeit zu lang, vielen geht der Glaube verloren. Und dennoch werden sie töricht genannt, weil sie sich um das Hochzeitsfest bringen. Denn der Bräutigam wird kommen, die Hochzeit wird steigen. Vielleicht kommt er spät, doch er kommt. Und dann wird er abwischen alle Tränen, dann wird kein Leid und kein Geschrei und kein Schmerz mehr sein, ja selbst der Tod wird nicht mehr sein. So sieht es der Visionär in der Offb. mit vielen Anspielungen auf Jes. 65.

Ein Traum nur, nicht mehr als eine verrückte Vision? Wer meint, das alles sei nur ausgedacht, eine billige Vertröstung ohne Grund, der soll in den Friedhofskapellen oder in der Kirche am Sonntagmorgen auf das Kreuz schauen. Es erinnert an den Tod und die Auferstehung Jesu. Es vergewissert uns, dass Gottes Lebensversprechen stärker ist als der Tod. Deshalb können wir sagen: Ja, noch gibt es den Tod, aber wir glauben nicht an den Tod, sondern wir glauben an das Leben. Noch gibt es Leid und Klagen, aber sie bestimmen nicht unser Leben. Wir nehmen stattdessen zusammen mit dem Volk Israel das Bild des Propheten Jesaja in die Hand, das Bild vom gelingenden Leben. So haben wir Hoffnung.


Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2018

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